Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Artikel

Focusing – vom vagen Gefühl zur klaren Empfindung

von Rainer Eggebrecht

Grundlagen der Humanistischen (personzentrierten ) Psychologie
In einem berühmt gewordenen Diskurs aus den fünfziger Jahren des letztenJahrhunderts standen sich zwei Auffassungen vom Menschen unversöhnlich gegenüber: Skinner (der Begründer der Verhaltenstherapie) behauptete, dass der Mensch manipulierbar und damit „machbar“ sei. Rogers (der Begründer der klientenzentrierten Therapie) hingegen sagte, der Mensch sei frei und autonom.
Der Spannungspol zwischen Freiheit und Notwendigkeit ist aus heutiger Sicht kein wirklicher Gegensatz mehr. Denn statt zu fragen, welcher Ansatz richtig oder falsch ist, können wir heute erkennen, dass jeder Ansatz wahr – aber nicht vollständig ist.
Wir können herausfinden, wie Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt sich für eine zu entscheiden und die andere zu verwerfen. Wir kritisieren also nicht ihre Wahrheiten, sondern nur ihre Unvollständigkeit.
Carl Rogers betont, dass seelische Gesundheit eng mit einem Zustand der Kongruenz (Echtheit) verbunden ist. Wenn das Selbstkonzept nicht mit der Erfahrung von Wirklichkeit übereinstimmt, führt dies zu Inkongruenz und Spannungen. Die personzentrierte Therapie versucht daher, die Grund- haltungen der Echtheit (Kongruenz), Einfühlung (Empathie) und Wertschätzung (Akzeptanz) in möglichst hohem Maße zu verwirklichen.
In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die personzentrierte Therapie (auch klientenzentrierte oder humanistische Therapie genannt) einen Boom in Europa. Zu Beginn wurde besonders die Nicht-Direktivität betont:
dabei unterließ man sämtliche direktiven, kontrollierenden, lenkenden und manipulativen Aktivitäten. In den achtziger Jahren entwickelte sich daraus die erfahrungsorientierte Focusing-Methode, welche besonders die Konzentration auf den Wahrnehmungsprozess anregt. Diese achtsame Haltung zu uns selbst ermöglicht es, problematische Themen einfühlend zu bearbeiten.

Mitgefühl und Empathie
Empathie ist die Fähigkeit, zu verstehen, was in uns und in anderen vor sich geht. Empathie verlangt eine gewisse Bereitschaft, sich in andere und uns selbst mitfühlend hineinzuversetzen. Mitgefühl weist ein wichtiges Element auf: das Nicht-Werten. Das bedeutet, dass wir uns auf die eigenen Emotionen und auf die anderer Menschen einlassen, ohne gleich zu urteilen oder zu werten. Das heißt nicht, dass wir keine Präferenzen haben oder alles akzeptieren sollten. Wir sollten nur offen bleiben für korrigierende, heilsame neue Erfahrungen, und nicht unreflektiert verurteilen. Mitgefühl ist immer verbunden mit Akzeptanz – damit, was unser Gegenüber braucht, um seine „Schatten“ zu erkennen. Und was ihm hilft, den für ihn nächsten wichtigen Schritt in seinem Leben zu finden.

Achtsamkeit und Authentizität
Aufmerksam im gegenwärtigen Moment zu sein, ohne zu werten oder zu urteilen, führt zu einem wachen, authentischen Bewusstsein. Man ist dann einfach im Fluss des Moments.
Wie Therapeuten und Meditationslehrer immer wieder betonen, existieren wir immer exakt nur in diesem einen Moment, im „Jetzt“. Freiraum – Schaffen ist dabei der erste Schritt. Er hilft uns, bewusster und vertrauter mit unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele umzugehen. Wir treten innerlich zurück und beobachten, was jetzt gerade in uns vor sich geht.
Es ist aber nicht ganz leicht, in der Präsenz nur Beobachter zu sein – denn dies kann zum Einen faszinierend sein, bringt uns oftmals aber auch mit Themen in Kontakt, die wir bisher „gut“ weggeschoben haben. Authentizität erfordert Mut, hemmende Selbstwertprobleme zu erkennen und einfühlend zu fokussieren.
Der Übergang von der Außenwahrnehmung zur Innenwahrnehmung kann manchmal auch etwas unangenehm sein. Denn der Weg nach innen ist nicht unbedingt von Anfang an wohltuend. Diese Schwelle hat immer auch etwas Ungewisses und wir können nicht voraussehen, welche Gefühle, Bedeutungen und Antworten entstehen werden. Der Weg nach innen ist abenteuerlich. Märchen und Mythen haben dafür zahlreiche Bilder gefunden. An dieser Schwelle erwartet uns manchmal auch Ängstliches, Trauriges, Unzufriedenes, das uns dann eher ermutigt, wieder in die geschäftige äußere Welt und deren vertraute Gefühle und Gedanken zurückzukehren.

Focusing – Schulung der Achtsamkeit
Focusing ist die Kunst, unsere Aufmerksamkeit immer wieder von konkreten Gedanken, von der Imagination zum Erleben des Ganzen ins Hier und Jetzt zu führen und von dort neue Schritte zu erwarten. Wenn wir ein gerade anstehendes Thema unmittelbar erleben, können sich, wenn wir freundlich, wertfrei und einfühlend dabei verweilen, Bedeutungen sprachlich, bildhaft oder körperlich mitteilen, wodurch ein unmittelbar ganzheitliches Gefühl von „Stimmigkeit“ entsteht. Man tritt dabei als sein eigener innerer Beobachter aus einer kleinen inneren Distanz in Beziehung zu der noch nicht „entfalteten“ gefühlten Bedeutung und wartet geduldig, was in die Wahrnehmung kommt. Dies fördert eine offene Selbstwahrnehmung, deren Form und Richtung in hohem Maße vom Klienten selbst bestimmt wird.
Die Autonomie und Freiheit eines jeden Individuums wird hierbei aus einem tief humanistischen Verständnis heraus stark betont. In schöpferischem Selbst-erkunden werden Sprache, bildhaftes Erleben, Denken, Fühlen und Handeln im unmittelbaren Erleben aufeinander bezogen. Dabei wird achtsam Bezug genommen auf ein tiefes, auch körperlich spürbares Bedeutungsempfinden. Dann stellt man wahrnehmung-sorientierte Fragen, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können – man muss erst nachdenken und nachspüren (fokussieren).
Focusing als Wahrnehmungsmethode bringt Sie in Berührung mit dem, was Sie hinter all Ihren Konzepten in Ihrem Inneren wirklich fühlen.