Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Claudia Haarmann: Kontaktabbruch in Familien – wenn Kinder einfach gehen

Sehr viele Menschen kennen heute in ihrem Umfeld eine Tochter, Kontaktabbruch in Familien: Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheinteinen Sohn, die ihre Familie verlassen haben. Konflikte in Familien sind keine Ausnahme, doch der totale Bruch kommt für die meisten überraschend. Mehrheitlich sind es erwachsene Kinder, die sich von ihren Eltern oder auch von der gesamten Familie lösen.

ISBN  978-3-466-34739-1         Kösel-Verlag   2019

 Ich möchte Euch ein brandneu erschienenes Buch vorstellen, das Konflikte und Trennungen in modernen Familien auf eine Weise erklärt, die viele von uns so noch gar nicht gesehen haben. Viele kennen heute in ihrem Umfeld eine Tochter, einen Sohn, die ihre Familie verlassen haben. Konflikte in Familien sind keine Ausnahme, doch der totale Bruch kommt für die meisten überraschend.
Die Therapeutin Claudia Haarmann beschreibt in ihrem äußerst spannenden Buch die Hintergründe und Dynamiken, die zu den schweren Zerwürfnissen in Familien führen und zeigt Möglichkeiten einer Annäherung auf. Mit einfühl-samen Erläuterungen und zahlreichen Fallbeispielen wird die Bedeutung von Sicherheit, Halt und Bindung in Familien erklärt.

Zusammenfassung wesentlicher Aussagen

> Der radikale Umbruch in der Pädagogik:  Die Generation, die nach dem Krieg geboren wurde, kennt noch die Härte der autoritären Erziehung. Und dann zeitgleich mit deren Erwachsenwerden bahnte sich eine Zeitenwende an. Es begann mit der antiautoritären Bewegung: Erziehung zur Freiheit, zur Selbstentfaltung, Lustprinzip statt Reglementierung waren jetzt die Grundideen. Auch wenn diese Bewegung chaotisch war und sie oftmals durch ihre Grenzenlosigkeit den Kindern wiederum keinen sicheren Halt gab, war es doch der Beginn einer neuen Haltung dem Kind gegenüber.

> Das Phänomen des „Überliebens“: Heute scheinen sich die Hintergründe für die Konflikte in Familien in eine neue Richtung zu verschieben. Bei jüngeren Erwachsenen ist es vorwiegend nicht das bedrohliche, lieblose Familienszenario, das sie veranlasst, die gemeinsame Familientür zuzuschlagen. Im Gegenteil,
es sind die Familien, die „überlieben“, überbehüten. Die erwachsen werdenden Kinder unterbrechen den Kontakt, um durchzuatmen und zu sich selbst zu finden. Es ist ihnen zu eng, sie fühlen sich nicht als Person wahrgenommen. Es gibt also zwischen den Generationen völlig verschiedene Bedürfnislagen: Die junge Generation ruft nach Selbstständigkeit, und die Elterngeneration hat eine Sehnsucht nach enger Bindung.

> Mit den Großeltern ein Herz und eine Seele!?  —  die Enkelthematik:
Es gibt eine erhebliche Anzahl an Großeltern, die durch den Kontaktabbruch mit ihren Kindern ihre Enkel nicht mehr sehen können. Der Verlust der Enkel ist für die Großeltern vor allem deshalb schlimm, weil mit den Enkeln etwas möglich schien, was mit dem eigenen Kind nicht immer so leicht möglich war. Den Enkeln gegenüber kann die Zuneigung, die Liebe besser ausgedrückt werden. Denn Großmütter und Großväter haben einen größeren Abstand, mehr Freiraum zu den Enkeln. Sie sind nicht mehr verantwortlich, Sie haben mehr Distanz und können aus dieser Position heraus viel gelassener fürsorglich sein.

> Von der Verantwortung der Eltern:
Es ist schwer und schmerzhaft, anzuerkennen: Das ganze Dilemma gehört auch zu mir – ich wollte es nicht, aber es ist so gekommen. Der Abbruch entstand aus unserer Beziehungsproblematik und den unterschiedlichen Beziehungswünschen. So war es. Es tut mir leid!

> Von der Verantwortung der Kinder:
Auch die erwachsenen Kinder sollten sich bemühen, aus ihrer Subjektivität herausgehen und sich das Gesamtbild anschauen: Was hat meine Familie so werden lassen? Was haben meine Mutter und mein Vater erlebt, bevor es mich gab? Warum sind sie so? Warum ist es so schwer für sie, wenn ich mich abnabele? Auch erwachsene Kinder müssen anerkennen: – Ja, vieles tat weh!  Aber mehr zu geben war meiner Mutter oder meinem Vater nicht möglich. Und: Sie können heute nicht mehr völlig ausgleichen, was ich früher so dringend gebraucht hätte.
Wer diese Wahrheit anzuerkennen bereit ist, muss lernen, den verletzten Teil in sich selbst zu betreuen – das ist der Preis der Autonomie.

—————————————————————————————————
Rainer Eggebrecht