Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Integrale Gedanken zur Erkenntnis von Selbst und Welt – Focusing und Philosophie

Heute ist das bewährte rationale Kontroll- und Analysedenken der neoliberalen Marktwirtschaft nur mehr bedingt erfolgreich, da es sich vorwiegend quantitativ auf Fakten und Tatsachen der Außenwelt konzentriert. Ein bewusster Selbstbezug wird dabei oft vernachlässigt. Nur mit einem Gespür für Stimmigkeit und Angemessenheit können wir aus der Informationsflut Daten auswählen, die wirklich Wesentliches für uns enthalten. Intuition und Rationalität schließen sich jedoch nicht aus, sie sind zwei Teilbereiche unserer Vernunft.
Focusing bietet hierfür einen integralen Ansatz, der achtsame Bewusstseinsfelder für intuitives Wahrnehmen und ganzheitliches Verstehen fokussierbar macht.
Intuition bedeutet, das Wesentliche von Selbst und Welt zu erkennen. Das heißt, wir müssen mit uns selbst gut in Verbindung stehen und bereit sein,  konkrete Situationen sowohl in der Außenwahrnehmung wie auch in der Ich-Perspektive zu erleben. Hierfür brauchen wir die Verbundenheit dreier Funktionen: Kopf, Herz und Bauch (Geist, Seele, Körper).
Kopf: kognitive Fähigkeiten, Erkenntnisse über die Welt und über uns selbst.
Herz: unsere Emotionen, das unmittelbare Empfinden aus der Ich-Perspektive.
Sowie Bauch: (body-sense) unser „Bauchgefühl“, mit dem wir etwas annehmen oder ablehnen, das Wollen.
Die Krux ist die richtige Balance: Nur wenn Welt- und Selbstbezug gleichwertig und ehrlich abgeglichen werden, bleibt die Intuition verlässlich. Selbstbezug ermöglicht überhaupt erst Orientierung, Weltbezug ist eine klare Absicherung gegen jede Form des Subjektivismus.
Zu viel Selbstbetrachtung führt zu Weltfremdheit – z.B. bei radikalen Ideologien.
Zu viel Weltbezug: Wenn nur mehr messbare Fakten zählen, ohne dass wir subjektiv wahrnehmen, können uns auch noch so große Datensammlungen keine wirkliche Orientierung mehr bieten (Big Data).

Je besser diese feinsinnige Balance gelingt, umso mehr stärken wir unser Urteilsvermögen. Wir nutzen oft ganz selbstverständlich „Abkürzungen“ – etwa bei der interessierten Suche nach einer neuen Lektüre im Buchladen: Selten haben wir vorher das ganze Angebot gescannt und mit unseren Erwartungen abgeglichen. Wir lassen uns bei der Auswahl vielmehr von unserem Gespür für Stimmigkeit leiten, angefangen bei der Entscheidung, welchen Bereich einer Buchhandlung wir ansteuern, vor welchen Regalen wir stehen bleiben, welche Werke wir in die Hand nehmen bis hin zur Entscheidung, welches Cover uns gefällt. Erst wenn wir die Auswahl intuitiv reduziert haben, beginnen wir über unsere Wahlmöglichkeiten rational nachzudenken. Die vermeintlich rein rationale Entscheidung hat also eine intuitive Vorgeschichte. Es ist Zeit, sich zu dieser Geschichte zu bekennen.

Rainer Eggebrecht