Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Integrale Anmerkungen in komplexen Zeiten

Ein neuer Begriff von Globalität ist im Entstehen: ein tiefes Gefühl der Zusammen-gehörigkeit mit allen Wesen und die Kooperation mit allen Mitgeschöpfen, sowie  die Anerkennung  kosmischer, ethischer und ökologischer Hintergrundbedingungen.
Immer mehr Menschen wollen aussteigen, einen Sinn finden und für sich und ihre Kinder eine lebenswerte Zukunft aufbauen.

Es gibt Dimensionen der Wahrheit, die von den Naturwissenschaften nicht berührt werden können. Daher müssen wir neben naturwissenschaftlich-quantitativen Methoden zunehmend auch qualitative Sichtweisen mitberücksichtigen. Wir sollten beide Perspektiven gleichzeitig wertschätzen. Wenn wir eine gegenseitige Wechselwirkung zulassen, dann verwerfen wir nicht die Wissenschaft an sich, sondern erweitern ihre Perspektive und erhalten so ein besseres Verständnis der gesamten Wirklichkeit. Damit können wir unserem objektiven Geist, der Daten will, Genüge tun und zugleich unsere subjektiven Erfahrungen von Einheit und ganzheitlicher Wahrnehmung der Wirklichkeit integrieren.

Durch zunehmende Schulung eines Empfindens von Mitgefühl und Verbundenheit mit unseren Mitmenschen, der Natur und dem Kosmos – ohne irgendeine Form von doktrinärer Ideologie – könnten wir bereits in jungen Jahren in der Erziehung und in den Schulen beginnen, eine Haltung zu kreieren, die beide Seiten dieses Verständnisses, das materialistische und das post-materialistische, auf eine neue, ganzheitliche Weise integriert.

In unseren überinformativen Zeiten müssen wir stärker unterscheiden lernen, welches Wissen uns bereichert und welches uns eher zerstreut oder auf Abwege bringt. Denn der Jahrmarkt psycho-spiritueller Sinnangebote ist dank moderner Medien überwältigend. Der mystische Schriftsteller Gustav Meyrink hat schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben: „Auf einen Engel kommen neunundneunzig Versucher im Gewande des Engels“. (auf ein wirklich hilfreiches psychologisches oder spirituelles Angebot kommen unzählige den eigenen Vorteil vermarktende Sinnangebote).

Die psychologische Forschung hat zudem nachgewiesen, dass wir achtmal stärker auf Bedrohungen reagieren als auf positive Nachrichten! In moderne Massenmedien werden daher vorwiegend katastrophale Infos veröffentlicht.

Das Wort „Katastrophe“ bezeichnet ursprünglich im Griechischen die gefährliche Kurve bei antiken Wagenrennen, an der so mancher Wagenlenker sein Gefährt zum Kippen brachte. Das Wort ist damit aber keine Aufforderung zum Stillstand oder gar zum Rückwärtsgang, sondern vielmehr eine Aufforderung zu Achtsamkeit beim Richtungswechsel.

Genau das findet derzeit statt und steht uns weiter bevor. Ziel einer Krise ist es, Vorstellungen von Wirklichkeit, deren Zeit abgelaufen ist, durch ein komplexeres, integrales Verständnis abzulösen. Hierzu brauchen wir neben logischem Denken auch Gefühle, Erfahrungswissen, Bilder, Körperempfindungen sowie Intuition in einem tieferen Sinne.

Authentisch – sinnvolles Bewusstsein

Unterschiedliche Psychologierichtungen, Religionen und spirituelle Schulen lehren die Suche nach gültigen Wahrheiten, indem sie uns Methoden und Techniken, Gebote und religiösen Hilfestellungen an die Hand geben. Diese können sich aber auch zu dogmatischen Wahrheiten verfestigen, die dann als konsumierende Produkte vermarktet werden.
Alexander Poraj, spiritueller Lehrer in der Nachfolge von Willigis Jäger am Benediktushof, veranschaulicht sehr schön, wie wir uns Wahrheit oftmals als zu konsumierendes Produkt aneignen wollen:

Das ist, als würden wir an einem sehr schönen kristallenen Bergsee eine Bude aufmachen und Mineralwasser anbieten. Wir Menschen baden in diesem See und haben dann Durst. Aber wir kommen nicht auf die Idee, dass wir in dem, was  eigentlich den Durst stillen könnte, schon baden. Das muss jetzt besonders verpackt sein, als „Mineralwasser“, mit einem Etikett. Denn der zunehmende Durst nach Wahrheit  wird umso stärker, je mehr unsere Verbundenheit mit dem Elixier des Lebens schwindet. Zwar brauchen wir auch hilfreiche Anregungen für tiefere Wahrnehmungen – aber wenn eine Methode behauptet, sie verkaufe das einzig richtige Mineralwasser der Welt und ihre Anhänger glauben, sie kaufen im allerbesten Mineralwasserladen, dann übersieht man leicht, dass alle Mineralwasserläden aus einer identischen Quelle schöpfen. Und so entstehen immer größere Mineralwasser-Buden mit Konfessionen und fest verpackter Wahrheit.

Der Dalai Lama schreibt in „Das Herz der Religionen“: „Alle enthalten die Botschaft von Liebe, Mitgefühl, universaler Geschwisterschaft. Auf der Grundlage dieser Tugenden lehren alle Vergebung, Geduld, Genügsamkeit, Einfachheit und Selbstdisziplin“.

Echte spirituelle Weisheit lässt sich nicht inhaltlich fixieren – sie ist immer eine ganzheitliche Erfahrung. Pater Anselm Grün betont, dass Spiritualität nicht ohne Psychologie existieren kann. Unsere inneren Räume müssen lebensfähig sein – nur dann können wir „gut in den Raum unterhalb der Leidenschaften“ kommen und ohne allzu dunkle psychische „Schatten“ eine tiefere Klarheit und Reinheit entdecken.

Achtsamkeit

Die Begriffe Achtsamkeit und Meditation sind heute im Mainstream angekommen – durchaus positiv -, doch leider auch manchmal  mit Schattenseiten behaftet. Meditative Techniken werden auch verwendet, um „selbstwirksam optimiert“ in Verteilungskämpfen noch geschickter nach vorne zu kommen. Stressreduktions- und „Spirituellness“-Trainings erhöhen in der Logik des Machtdenkens auch Karriere-Chancen.

Unsere von der Naturwissenschaft geprägte Welt basiert auf einer Grundhaltung, die vorwiegend logische Erklärungen von Wirklichkeit berücksichtigt. Vielleicht erleben viele auch deswegen diese seltsame Verlorenheit in der Welt, die unsere Kultur seit Jahrzehnten prägt.
In unserer postmodernen Kultur empfinden viele eine gewisse kosmische Heimatlosigkeit, ohne Zugehörigkeit zu tieferen Sinnhorizonten.

Wirkliche Achtsamkeit führt hingegen dazu, dass man wach und achtsam in allen Lebenslagen ist. Psychologische Erkenntnisse, meditative Versunkenheit mit überraschenden, oft atemberaubenden Momenten sind dann zwar weiterhin spannende Erfahrungen, denen aber keine so herausragende Bedeutung mehr zukommt, weil im Innersten eine beständige tiefe Ruhe und innere Klarheit erfahren wird.

Ein integraler, schulen-übergreifender Ansatz 

Wir befinden uns in einer spannenden Übergangszeit. Ein methodenübergreifender Ansatz wäre daher ein wertvolles Handwerkszeug, um mit all den überbordenden Wissens- und Sinnangeboten – auch im psychologischen und spirituellen Bereich – zukunftsoffen und sinnvermittelnd umzugehen.  Die Humanistische Psychologie betont daher die immense Bedeutung von Echtheit, Wertschätzung und Empathie.
Die Art und Weise, wie wir uns selbst, andere und unsere (globale) Kultur erleben, wird als entscheidender Faktor gesehen. Probleme können dadurch auch in ihrer tieferen Sinnhaftigkeit wahrgenommen werden. So kann frisches Denken entstehen, das neue, intuitiv entstehende Bedeutungen, Bilder, Körperempfindungen und Gefühle hervorbringt, die subtiler sind als alle begrifflichen Strategien, die wir normalerweise verwenden.

Die Quantenphysik hat nachgewiesen, dass auf der Ebene winzigster Teilchen jedes Objekt des physischen Universums eng mit jedem anderen Objekt verbunden ist. Die absolute Vorherrschaft der ausschließlich auf dem physischen Bereich basierenden wissenschaftlichen Methoden während der letzten vierhundert Jahre stellt heute ein Problem dar, denn wir haben den Kontakt zu dem tiefen Mysterium im Zentrum unserer Existenz verloren. Seit Descartes‘ „Ich denke also bin ich“ wurden Geist und Materie immer mehr getrennt. Die für das Zusammenspiel entscheidende dritte Dimension – die Seele – wurde seit der „Aufklärung“ zunehmend vernachlässigt.

Der alternative Nobelpreisträger und Quantenphysiker Hans-Peter Dürr sagte in einem Arbeitskreis in München: „Neurobiologen untersuchen nur den „Drucker“ – der Hintergrund ist in einer ganz anderen Sprache geschrieben – die wir meist übersehen.“ Und: „Die Wirklichkeit ist unendlich viel komplexer als selbst jede quantenphysikalische Erklärung.“

Digitale Kommunikation: Risiken und Chancen 

Heute ist das Internet die dominierende Kommunikationsform in (post)modernen Gesellschaften. Das Internet begann in den 90er-Jahren – mit schwer verständlichen Computercodes (Web 1). Die Technik verfeinerte sich dann zusehends und  konsumfreundlichere Oberflächen machten digitale Kommunikation immer einfacher.
War zu Beginn Amazon noch eine kleine Plattform für Bücherfreunde und half Facebook  Studenten der Harvard-Universität, Beziehungen zu knüpfen und sich zu verabreden, erkannten einige Großunternehmer rasch, dass man das nun immer beliebtere Internet in eine riesige Geldmaschine verwandeln kann (Web 2).Doch wie wir alle als Gesellschaft besser zusammenleben könnten – dafür bietet das marktwirtschaftliche Dogma des Netzes bis heute keine wirklichen Lösungsansätze.

In jüngster Zeit wächst die Kritik am digitalen Universalismus immer mehr und es entstehen von großen Internetgiganten unabhängige eigenständige Räume und Netzwerke – sogenannte DAOs (Dezentrale Autonome Organisationen). Diese ermöglichen neue Formen der Selbstorganisation mit horizontalen statt mit vertikalen Führungsstrukturen (Web 3).
Offenes integrales Denken lässt sich zwar nicht einfach in eine Technologie hineincodieren, aber es kreiert immer mehr Räume und Strukturen, die von innen gelebt und mit Bewusstsein gefüllt werden können. Das derzeit rasch wachsende Web 3 verstärkt als äußere technologische Form somit ein neues, gemeinschaftliches Bewusstsein, das eine engagiertere Verbundenheit erlebbar macht und zu einem sozialen und gesellschaftlich gerechteren Handeln führen kann.

Wirkliche integrale Orientierung

Wenn man hohe geistige Zustände erfahren hat, sollten diese immer auch um die Einsicht ergänzt werden, dass man auch auf den anderen Ebenen und Stufen arbeiten sollte (Psychotherapie, Sport, Ernährung, Beziehungen, Lebensunterhalt).
Denn Menschen sprechen viel eher auf gesunde, kongruente Botschaften an, die sie dort “abholen”, wo sie sind, als auf höhere Botschaften, die durch Neurosen und Brüche auf den unteren Ebenen entstellt sind. Für ein offenes  integrales Denken gehören Körper, Geist und Seele untrennbar zusammen. Das heißt auch, sich an den Platz im eigenen Leben zu stellen, an dem man steht, mit all seinen Eigenschaften, seiner Geschichte, seinem Sosein,  wie es sich anfühlt, in dieser Zeit, auf diesem Planeten, in dieser Familie, in dieser Kultur geboren zu sein und als Mensch in dieser Form zu leben. Dann erst verbinden sich die unterschiedlichen  Perspektiven  „Ich“ (Bewusstsein), „Wir“ (Kultur) und „Es“ (Wissenschaft) zu einer ganzheitlich-vernetzten integralen Sichtweise.

Rumi sagte: „Lerne, die äußeren Tore deines Hauses zu schließen, und öffne das innere. Wenn wir lernen, unser Tor nach innen zu erschließen, dann können wir die Welt feinstofflicher und in den wahren Farben sehen.

Allerdings sollten wir aufpassen, dass dieses spirituelle mit sich selbst in Kontakt kommen nicht unbeabsichtigt dazu beiträgt, uns z.B. von den emotionalen Auswirkungen der Klimaproblematik so weit zu distanzieren, dass wir die reine Subjektivität der materiellen Realität vorziehen. Denn was gerade in der Welt passiert, ist nicht nur ein privates Problem – es ist ein kollektives. Hierfür brauchen wir ein integrales Bewusstsein. Wir müssen also unseren Humanismus, unsere Psychologie, unsere Spiritualität, das Heilige, oder wie immer wir es nennen mögen, vertiefen bis weit in den kollektiven Schatten hinein, um uns und die Welt bestmöglich transformativ zu begleiten.