Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Focusing – vom vagen Gefühl zur klaren Empfindung

von Rainer Eggebrecht (2015)

Grundlagen der personzentrierten (humanistischen) Psychologie

In einem berühmt gewordenen Diskurs aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts standen sich zwei Auffassungen vom Menschen noch unversöhnlich gegenüber: Skinner (der Begründer der Verhaltenstherapie) behauptete, dass der Mensch manipulierbar und damit „machbar“ sei. Rogers (der Begründer der klientenzentrierten Therapie) hingegen sagte, der Mensch sei frei und autonom. Die Polarität zwischen Freiheit und Notwendigkeit ist aus heutiger Sicht jedoch kein wirklicher Gegensatz mehr. Denn statt zu fragen, welcher Ansatz richtig oder falsch ist, können wir heute erkennen, dass aus integraler Perspektive jeder Ansatz wahr – aber nicht vollständig ist. Wir können nun herausfinden, wie Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt sich für eine zu entscheiden und die andere zu verwerfen.
Dies kann gelingen, wenn wir die Grundhaltungen von Echtheit (Kongruenz), Einfühlung (Empathie) und Wertschätzung (Akzeptanz) in möglichst hohem Maße zu verwirklichen versuchen.

Mitgefühl und Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, zu verstehen, was in uns und in anderen vor sich geht. Empathie verlangt eine gewisse Bereitschaft, sich in andere und uns selbst mitfühlend hineinzuversetzen. Mitgefühl weist ein wichtiges Element auf: das Nicht-Werten. Das bedeutet, dass wir uns auf die eigenen Emotionen und auf die anderer Menschen einlassen, ohne gleich zu urteilen oder zu werten. Das heißt nicht, dass wir keine Präferenzen haben oder alles akzeptieren sollten. Wir sollten nur offen bleiben für korrigierende, heilsame neue Erfahrungen, und nicht unreflektiert verurteilen. Mitgefühl ist immer verbunden mit Akzeptanz – damit, was unser Gegenüber braucht, um seine „Schatten“ zu erkennen. Und was ihm hilft, den für ihn nächsten wichtigen Schritt in seinem Leben zu finden.

Achtsamkeit und Authentizität

Aufmerksam im gegenwärtigen Moment zu sein, ohne zu werten oder zu urteilen, führt zu einem wachen, authentischen Bewusstsein. Man ist dann einfach im Fluss des Moments.Wie Therapeuten und Meditationslehrer immer wieder betonen, existieren wir immer exakt nur in diesem einen Moment, im „Jetzt“.
Der Übergang von der Außenwahrnehmung zur Innenwahrnehmung kann manchmal auch unangenehm sein, denn der Weg nach innen ist nicht unbedingt von Anfang an wohltuend. Diese Schwelle hat immer auch etwas Ungewisses und wir können nicht voraussehen, welche Gefühle, Bedeutungen und Antworten entstehen werden. Der Weg nach innen ist abenteuerlich! Märchen und Mythen haben dafür zahlreiche Bilder gefunden. An dieser Schwelle erwartet uns manchmal auch Ängstliches, Trauriges, Unzufriedenes, das uns dann eher ermutigt, wieder in die geschäftige äußere Welt und deren vertrauten wertenden Gefühlen und Meinungen zurückzukehren.

Focusing – Schulung der Achtsamkeit

Focusing ist die Kunst, unsere Aufmerksamkeit immer wieder von konkreten Gedanken und Gefühlen, von der Imagination zum Erleben des Ganzen ins Hier und Jetzt zu führen und von dort neue Schritte zu erfahren. Wenn wir ein gerade anstehendes Thema unmittelbar erleben, können wir in schöpferischem Selbsterkunden bildhaftes Erleben, Denken, Fühlen und Handeln aufeinander beziehen, wodurch ein unmittelbar ganzheitliches Gefühl von „Stimmigkeit“ („Felt Sense“) entsteht. Man tritt dabei als sein eigener innerer Beobachter aus einer kleinen inneren Distanz in Beziehung zu der noch nicht „entfalteten“ gefühlten Bedeutung und wartet geduldig, was neu und kreativ in die Wahrnehmung kommt. Dabei wird achtsam Bezug genommen auf ein tiefes, auch körperlich spürbares Bedeutungsempfinden. Dazu stellt man wahrnehmungsorientierte Fragen, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden können – man muss erst nachdenken und nachspüren (fokussieren). Focusing als Wahrnehmungsmethode bringt Sie in Berührung mit dem, was Sie hinter all Ihren Konzepten in Ihrem Inneren wirklich fühlen und empfinden.