Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Focusing – ein psychosozial-integraler und spiritueller Exkurs – (3 Seiten, von Rainer Eggebrecht, 2020)

Wir haben heute viele Therapiemethoden, die unterschiedlich gut Begriffe und Konzepte beinhalten. Jede Methode, jede Technik oder Typologie hat einen bestimmten einmaligen Erkenntniswert. Sie hilft uns, das, was sie beschreibt, bei einem bestimmten Klienten zu bemerken. Wir können Konzepte und Methoden anwenden und kombinieren – wenn wir sensibel bleiben, dass Techniken immer nur Möglichkeiten darstellen….

Carl Rogers

Carl Rogers sagte schon vor 50 Jahren: Man muss den Klienten erlauben, uns zu unterrichten, wie man mit ihnen und ihrer speziellen Situation umgehen kann.

Kurzer Überblick über die humanistische Psychologie:

In einem berühmt gewordenen Diskurs aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts standen sich zwei Auffassungen vom Menschen unversöhnlich gegenüber: Skinner (Verhaltenstherapie) behauptete, der Mensch sei manipulierbar und damit „machbar“. Rogers (klientenzentrierte Therapie) hingegen behauptete, der Mensch sei
frei und autonom.
Doch statt zu fragen, welcher Ansatz richtig oder falsch ist, erkennen wir heute aus integraler Perspektive, dass jeder Ansatz wahr – aber nicht vollständig ist.
Nun können wir herausfinden, wie die Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt sich für eine zu entscheiden und die andere zu verwerfen. Rogers betonte die enge Verbundenheit von seelischer Gesundheit mit dem Zustand der Kongruenz (Echtheit), mit nicht urteilender Wertschätzung sowie mit Empathie – einem einfühlenden Erfassen des inneren Bezugsrahmens unseres Gegenübers.

Focusing
Eugene GendlinEugene Gendlin, Nachfolger vom Carl Rogers, hat Focusing als personzentrierte Methode weiterentwickelt, indem er das kreative Potenzial des unmittelbaren Erlebens als zentrales Veränderungsmoment für persönliches Wachstum betonte. Man nimmt dabei als sein eigener innerer Beobachter aus einer kleinen inneren Distanz heraus Bezug zu seinen Themen und fokussiert, welche sprachlichen, bildhaften oder körperlichen Empfindungen aus diesem zuerst meist vagen Erleben heraus sich entwickeln.
Dieser Aktualisierungstendenz sollte man so viel Raum wie möglich geben. Beim Focusing entscheidet man sich immer wieder für eine offene Selbsterforschung, deren Form und Richtung in hohem Maße vom Einzelnen selbst bestimmt wird. Focusing schult ein stimmiges Fühlen, ein In-Berührung-Sein-mit, das auf unmittelbare Weise neue Wahrnehmungen entstehen lässt, das so in keinerlei Weise zuvor schon da war – neue, intuitive Bedeutungen, Bilder, Körperempfindungen und Gefühle, die subtiler sind als alle begrifflichen Strategien, die wir normalerweise verwenden. Und dann sollten wir das, was wir herausgefunden haben, ganzheitlich mit Körper, Geist und Seele wahrnehmen, um es zu erweitern und zu vertiefen.

Focusing ist bis heute noch nicht wirklich in den Mainstream-Trends und Themen unserer Gesellschaft angekommen. Bisher lebten wir in einer Welt, die Rationalität, Geschwindigkeit und Klarheit betonte. Focusing bringt ein Wissen ins Spiel, das ganzheitlich und intuitiv ist anstatt rein rational und leistungsorientiert.
Doch durch die Corona-Krise ist derzeit eine neue Welle von Achtsamkeit mit zunehmender Breitenwirkung im Entstehen, die unseren gesellschaftlichen Konsens über das, was Wirklichkeit ist, zunehmend fragwürdiger erscheinen lässt.

Das Ingenieurs-Denken, das unsere technische Zivilisation ermöglicht hat, muss in seinen Errungenschaften zwar gewürdigt werden – wir verdanken ihm viel. Aber es scheint, dass uns eine neue Kultur der Achtsamkeit nun die Augen öffnet, wie begrenzt dieser Blick bisher war.

Und wir können von anderen – auch alten Kulturen lernen, ganz anders zu sehen. Diesen neuen Blick, der all das integriert und in wirklicher Achtsamkeit weiter öffnet, werden wir gemeinsam immer mehr finden müssen. Eine neue integrale Perspektive eröffnet uns hierfür ein sensibles, achtsames Bewusstseinsfeld.

Ken Wilber

Der integrale Philosoph Ken Wilber sieht in den zunehmenden Protesten gegen die Beliebigkeit der Postmoderne einen Weckruf an die progressiven Kräfte in aller Welt, in ihrer Entwicklung einen Schritt weiterzugehen. Heute müssen wir neue Wege finden, um postmoderne Pluralität in eine umfassende sinnhafte Integration zu führen.

Sokrates

Der Altphilologe Friedrich Maier („Allgewaltig ist der Mensch“, 2018) meint, dass wir heute wieder „Quergeister wie Sokrates“ bräuchten: Sokrates hatte einst die Philosophie vom Himmel herab geholt, indem er vor allem Forschen nach der Natur am Himmel und auf Erden die Frage nach dem Menschen stellte, seinem Wert, seiner Würde, seiner moralischen Verantwortung. Sokratisches Bewusstsein könnte uns dabei helfen, in Zukunft verantwortungsbewusster mit einer zunehmend komplexeren digitalisierten Wirklichkeit umzugehen.

Wie wird die zukünftige Rolle eines „neu konstruierten Menschen“ aussehen? Wird er, kraft seiner Künste und Techniken sich selbst vergöttlichend, als „Homo Deus“ (Noah Harari, „Eine Geschichte von Morgen“, 2018), schöpferisch und zerstörerisch zugleich, sich aller Maßstäbe entledigen? Wird er auf diesem Planeten und in den interstellaren Räumen ohne Respekt vor jeder Grenze leben, der akuten Gefahr nicht gewahr, dass er damit dem Schattenreich – wie schon Eurydike – letztendlich nicht entkommen kann?

Integrales Denken
Wissenschaft und Weisheitslehren stimmen heute in einer grundlegenden Aussage überein:
Alles ist mit allem verbunden – in einem unteilbaren, essentiell lebendigen und schöpferischen Wesensgrund. Jeder Einzelne ist eingebunden in ein größeres Ganzes, von dem er ein Teil ist und an dem er kreativ mitwirkt. Die zunehmend wechselseitige Verschränkung aller Lebensbereiche erfordert, dass wir alle Ebenen des Seins in einer größeren Perspektive – auf der Basis einer humanistischen Grundhaltung – neu zusammenführen.
Integrales Focusing lässt den Klienten daher selbst genau herausfinden, was für ihn der stimmige nächste Erkenntnisschritt ist – und auch, ob und wie eine bestimmte Erfahrung für ihn sozial, psychologisch oder spirituell/geistig bedeutsam wird und ihn zu aktivem Verhalten ermutigt.

Integral-spirituelle Überlegungen
Focusing verbindet körperliches und seelisches Erleben in einem ganzheitlich-holistischen Ansatz. Psychische Probleme können damit in ihrer Sinnhaftigkeit und ihrer spirituellen Dimension wahrgenommen werden.
Da ein spiritueller Felt Sense (= gefühlter Sinn, gefühlte Bedeutung) den innersten Lebensgrund berührt und da dieser allen spezifischen Glaubensmeinungen vorausliegt, kann Focusing aus der Perspektive der Psychologie den Weg zu einer spirituellen Erfahrung jenseits traditionell formulierter Meditations- und Glaubenswege öffnen.
Focusing bietet hierfür ein besonderes Resonanzfeld, in dem durch Einfühlung in die Welt des Gegenübers etwas von mir, von dir und noch etwas anderes entsteht, was keiner von uns machen kann. Denn Focusing zentriert die Aufmerksamkeit auf das, was der nächste Schritt ist, damit sich das entwickeln kann, was sich im Moment mit erster Priorität meldet.

Pater Anselm Grün betont, dass Spiritualität nicht ohne Psychologie existieren kann. Unsere inneren Räume müssen lebensfähig sein – nur dann können wir „gut in den Raum unterhalb der Leidenschaften“ kommen und ohne allzu dunkle psychische „Schatten“ eine tiefere Klarheit und Reinheit entdecken.

Ali Hameed Almaas

„Viele Menschen verlieren sich in spirituellen Erfahrungen und Beobachtungen und allen möglichen interessanten, subtilen Eindrücken, von denen manche bestimmt aufregend und erhebend sein können.
Aber es gibt nichts Besseres als die Einfachheit, man selbst sein zu können – in sich selbst zentriert zu sein, zu erkennen, wer man ist und das Gefühl der Vertrautheit und der Wirklichkeit darin zu verspüren. Die ganze innere Reise, die gesamte psycho-spirituelle Praxis hat im Grunde nur ein einziges Ziel:  wirklich diejenigen zu sein, die wir sind.“
Zitat von Ali Hameed Almaas, Begründer des Diamant Approach