Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Interview über Focusing in der Zeitschrift „Novalis“

Focusing – ein Weg, grundlegende, tiefe Wahrnehmung zu ermöglichen und für Veränderungen nutzbar zu machen. Dr. Rainer Eggebrecht, Leiter des Instituts für Gesprächs- und Focusingtherapie (igf) im Gespräch mit der Novalis-Redakteurin Nina Pivac über Focusing.

Novalis: Weshalb haben Sie sich für die Therapieformen Gesprächstherapie und Focusing entschieden?

R.E: Zuerst habe ich eine Ausbildung in Gesprächstherapie nach Carl  Rogers gemacht und war lange als Gesprächstherapeut tätig. Wir kennen in der westlichen Welt drei große Richtungen: die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und die sogenannten personzentrierten Therapien, die hier in Deutschland als humanistische Therapie oder Gesprächstherapie bekannt sind.
Die letzteren basieren auf der Grundhaltung der Kongruenz, Einfühlung und Wertschätzung. Diese therapeutischen Grundhaltungen ermöglichen es dem Klienten, sich seinem eigenen Empfinden offen und wertschätzend zuzuwenden, mit sich besser im Einklang zu sein.
Dann habe ich Eugene Gendlin kennen gelernt und war fasziniert, mit welcher Einfachheit und trotzdem präzisen Klarheit er Menschen hilft, mit sich selbst gut in Kontakt zu kommen. Gendlin ist Nachfolger von Carl Rogers.
Gendlin untersucht die Art und Weise, wie Menschen ihrer Wirklichkeit Bedeutung verleihen. Begonnen hat er damit in den 60er Jahren, als in den USA ein Aufbruch erstarrter gesellschaftlicher Strukturen stattfand. Ein Grundsatz der Soziologie lautet beispielsweise: „Menschen verhalten sich Dingen gegenüber auf der Grundlage der Bedeutung, die diese Dinge für sie besitzen“. Wenn ein Volk glaubt dass es das auserwählte Volk ist, dann können Hunderte von Völkerkundlern kommen und objektiv nachweisen, dass es kein auserwähltes Volk ist sondern ein im Laufe der Geschichte entstandenes Völkergemisch. Doch dieses Volk glaubt, es sei das auserwählte Volk und damit wird es das auserwählte Volk – in der Psychologie ist es genauso.
Der Philosoph Martin Buber passt sehr gut zum Hintergrund von Focusing, weil er… zum Beispiel sagt, dass jeder auf seine Weise zu Gott kommt – einer über essen, der andere über fasten, einer über schweigen, der andere über reden. Diese Offenheit, selbst den eigenen Weg wertfrei entdecken zu dürfen, spricht mich sehr an.

Gendlin hat in den USA in den 60er Jahren mit den ersten auf den Markt gekommenen Videokameras alle gängigen Therapierichtungen aufnehmen lassen und mit Studenten ein Jahr lang ausgewertet. Phänomenologisch wollte er an die Wirklichkeit hinter den Etiketten kommen. Ihn interessierte die Frage, wie zwei Menschen in der Rolle Therapeut und Klient ihre Wirklichkeit gestalten. Gendlin fand heraus, dass es einen wichtigen Faktor gibt: den Grad der Selbstwahrnehmung. Wenn Menschen dort eine hohe Ausprägung haben, kommen sie relativ rasch zu einer von ihnen gewünschten persönlichen Veränderung, ziemlich unabhängig von der psychologischen Richtung, in der sie sich bewegen.
Gendlin entwickelte daraus eine Methode, die Menschen hilft, sich selbst offener wahrzunehmen und mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Daraus entstand Focusing. Für mich ist Focusing kein geschützter Begriff, sondern eine Möglichkeit, grundlegende, tiefe Wahrnehmung zu präzisieren und für Veränderungsvorgänge nutzbar zu machen.

Novalis: Weshalb haben Sie ein Institut für Gesprächs- und Focusingtherapie gegründet?

R.E: Zunächst habe ich längere Zeit in einem Institut als Therapeut gearbeitet. Im Jahre 1990 habe ich das Institut für Gesprächstherapie (igf) gegründet, weil das Institut, bei dem ich zuvor tätig war, zu groß und zu starr wurde und zu sehr mit eigenen strukturellen Schwierigkeiten behaftet war. Für mich als Ausbilder ist es wichtig, dass wir – der heutigen Zeit entsprechend – nicht nur jahrelange Ausbildungen anbieten, die immer unübersichtlicher und damit teurer werden, sondern dass wir das Wesentliche in intensiven Abschnitten vermitteln, die zum einen finanziell erschwinglich und zum anderen zeitlich überschaubar sind. Das Lernen geht zwar das ganze Leben lang weiter, aber zu einer modernen Ausbildung gehört, dass die Methoden, die Techniken und die Grundhaltungen didaktisch und methodisch intensiv und praxisnah vermittelt werden.

Novalis: Welche Bedeutung hat Focusing im Alltag? Wie kann Focusing im Alltag integriert werden?

R.E: Das was wir unter Focusing verstehen bekommt gerade in unserer Zeit eine immer wichtigere Bedeutung, denn wir haben keine tragenden Paradigmen mehr.  Die Wissenschaft nicht, gesellschaftlich bindende Traditionen nicht und auch die klassische christliche Religion nicht mehr. Wir sind im gewissen Sinne am Ende der Aufklärung angelangt. Wir sind in einer Krise, die ein Umdenken erfordert und es ist wichtig, dass jeder in sich selbst wieder einen eigenen sinnhaften Bezugspunkt findet. Wir haben heute eine permanente Überinformation. Frage: was ist gut: zwei Stunden Zeitung zu lesen oder fünf Stunden? Sie können das nicht mehr sagen. Sie können aber an sich selbst überprüfen, was und wie viel von etwas Ihnen gut tut. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich alles so rasch verändert, brauchen wir Bezugspunkte in der intuitiven Wahrnehmung. Dies beinhaltet nicht nur das logische Denken, sondern auch Gefühle, Erfahrungswissen, Bilder, Körperempfindungen, sowie Intuition in einem tieferen Sinne. Dies wird immer wichtiger, um die eigene Sinnfrage im Leben zu finden. Bisher haben dies große Institutionen abgedeckt, die heute nicht mehr tragen. Daher haben wir die besondere Aufgabe, größere Zusammenhänge zu erkennen und die eigene Sinnfrage zu stellen. Hierfür stellt Focusing das ideale Werkzeug zur Verfügung.

Novalis: Wie kann ausgeschlossen werden, dass der Klient vom Therapeuten manipuliert wird?

R.E: Die Echtheit, die Einfühlung und die Wertschätzung, also die Grundhaltungen der klientenzentrierten Therapie, die ich bereits erwähnt habe, helfen hierbei. Wenn diese nicht gegeben sind, kann Focusing nicht funktionieren. Wir können niemanden zu etwas zwingen, denn er würde abblocken oder sich mit anderen Verhaltensweisen wehren. Für mich ist Widerstand – im Unterschied zur Psychoanalyse – ein Zeichen dafür, dass wir irgendwo zu nahe an den Klienten gekommen sind. Ich achte und respektiere Widerstand, nicht als etwas was es zu überwinden und zu durchbrechen gilt. Schließlich kann nur jeder einzelne für sich entscheiden, wie weit er gehen möchte, darum diese ganz wichtige Bedeutung des ersten Focusingschrittes: der Freiraum. Wie nah muss/darf ich an ein Thema rangehen? Das kann nur jeder für sich selbst feststellen. Bin ich zu nah dran, überwältigt es. Angst und Panik breiten sich aus. Bin ich zu weit weg, geschieht das, was Gendlin „Emotional Engineering“ nannte. Wir reden dann klug über die Dinge, aber in unserem Befinden ändert sich nichts. Bei intuitiver Wahrnehmung benennen zudem Worte immer weniger exakt das, worum es eigentlich geht. Wenn ich ein Wort sage, schafft dies zwar Eindeutigkeit, aber die ist nicht exakt, denn nur dieses Wort gilt, alles andere gilt nicht. Was sagt mehr über Liebe aus: eine theoretische psychologische Definition des Begriffs – oder ein Gedicht von Rilke? Focusingtherapeuten achten genau darauf, dass der Klient für sich spürt, welche stimmige Nähe er zu seinen Themen hat und dass er sein Wort, seinen Satz, seine Bilder und Empfindungen achtsam herausarbeitet. Durch diese akzepierende Haltung wird Missbrauch – im Sinne von Grenzüberschreitung und Manipulation – ziemlich reduziert bis ausgeschlossen.

Novalis: Wie kam es, dass Sie die Gesprächs- und Focusingtherapie mit Spiritualität verbinden?

R.E: Vor acht Jahren habe ich einer Novizin einige Supervisionsstunden in Focusing gegeben. Ein Jahr später schrieb mir diese Novizin – inzwischen Klosterschwester in einem christlichen Kloster in Ägypten – einen langen Brief, in dem sie mir mitteilte, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung eine Meditation kennen gelernt hat, die sie sehr an Focusing erinnert: man versucht, einen Freiraum herzustellen zu einem Problem, um es dann aufzulösen. Sie nennt es die göttliche Gnade, die einen leidenschaftslos und damit präzise wahrnehmen lässt. Dann wartet sie, welche Gefühle, Gedanken oder Bilder auftauchen. Das sei eine Exerzitienübung des Ignatius von Loyola. Daraufhin habe ich angefangen, mich intensiver mit Ignatius von Loyola zu beschäftigen, was schließlich dazu geführt hat, dass von mir ein neuer Arbeitskreis „Spiritualität und Focusing“ ins Leben gerufen wurde.
So habe ich Kontakt bekommen zu den spirituellen Wurzeln in der katholischen Kirche im eigenen Land. Das ist übrigens spannend, dass wir uns hier so sehr am Osten orientieren, während uns die Rückbindung zu den eigenen spirituellen Wurzeln immer noch relativ schwer fällt. In diesem Arbeitskreis hatte ich die Gelegenheit mit Exerzitienmeistern zu arbeiten. Wir haben zusammen mit Exerzitienübungen und mit Focusing gearbeitet und uns gegenseitig sehr bereichert. Dabei wurde mir bewusst, dass Focusing nicht eine reine psychologische Methode, sondern eine grundlegende Wahrnehmungsschulung ist.

Die Abgrenzung von Psychologie und Spiritualität halte ich für sehr wichtig, allerdings gibt es Überlappungen.
Bei einem Kongress für transpersonale Psychologie in Freiburg habe ich einen Workshop durchgeführt. Unter den Teilnehmern befanden sich viele hochgebildete Menschen, die oft jahrelange Erfahrungen in meditativer und spiritueller Praxis hatten. Zu Beginn des Kongresses wurde mir erst richtig bewusst, was ich alles noch nicht beherrschte – ich wurde immer kleiner und dachte: „Was will ich hier mit meinen Focusing-Schritten? Wie kann ich überhaupt auf so einem Kongress einen Workshop anbieten?“ Daraufhin nahm ich mir vor, mich nicht an die Definitionsfragen wie: „Was ist wo spirituell, und warum?“ heranzuwagen, sondern nur einfache Focusing-Wahrnehmungsübungen durchzuführen.
Nach einer kurzen Darstellung der Focusingmethode habe ich eine Entspannungsübung mit Musik angeboten und das Auditorium eingeladen , über den Satz: „Es gibt etwas was mich trägt und was mehr ist als ich selbst“ zu focussieren – diese Worte offen auf sich wirken zu lassen, ganz egal welche Bilder, Gedanken, Gefühle auftauchen – ohne Bewertung und ohne etwas leisten zu wollen – was immer auftaucht, freundlich und achtsam wahrzunehmen.

Nach zehn Minuten gab ich ein paar Entspannungssätze zum Ausklingen. Die Atmosphäre im Raum war nun eine andere, die Teilnehmer hatten ihr eigenes Befinden focussiert und waren mit sich stimmiger verbunden.
Ein Teilnehmer der seit Jahren regelmäßig meditiert und der im letzten halben Jahr sehr mit zunehmender Unruhe zu kämpfen hatte, stellte während dieser Focusingübung erstaunt fest, dass er gegen die Unruhe vielleicht gar nicht meditativ angehen sollte – er erlaubte sich, diese einfach offen und freundlich zulassen und genauer wahrzunehmen.
Für diese Einsicht bedankte sich dieser Teilnehmer bei mir, was mich sehr gefreut hat. Doch es war nicht ich ,der diesen „felt shift“ (gespürte Veränderung) gemacht hat – es war die nicht wertende Akzeptanz und Präsenz seiner Wahrnehmung.

Novalis: Gibt es eine Abgrenzung zwischen Spiritualität und Psychotherapie?

R.E: Theoretisch sicherlich, aber im praktischen kann jede Erfahrung höchst spirituell sein. Ich kann zum richtigen Zeitpunkt eine einfache, freundliche, akzeptierende Spiegelung machen und für den Klienten passiert etwas ganz wichtiges für seine persönliche und spirituelle Entwicklung. Andererseits kann ich spirituelle Impulse geben und beim Klienten passiert gar nichts. Wir brauchen eine große Achtsamkeit, um bei Lebenskrisen entscheiden zu können, ob es eher angebracht ist, mit vorwiegend psychologischem Instrumentarium zu arbeiten oder ob hier eine spirituelle Färbung durchscheint, die anders betrachtet werden muss. Für Therapeuten ist es wichtig , dass innerlich Resonanzräume geschaffen werden. Ich kann auf zwei Arten zuhören: ich kann freundlich-professionell zuhören, wenn Sie etwas Spirituelles sagen, ohne einen Resonanzraum in mir zu öffnen. Dann ist die heilsame Schwingung nicht da. Ich kann aber auch anders zuhören – mit der energetischen Resonanz, das ist sehr wichtig. Dasselbe gilt auch für den psychologischen Raum, wir sollten die Probleme anderer Menschen wahrnehmen genau in der Qualität, wie sie da sind. Das heilsame, aktive Zuhören ist die wichtigste Qualität der Therapie. Wie bei Momo von Michael Ende, zu der Leute mit Problemen kommen. Momo hört ihnen mit großen braunen Augen schweigend zu, danach gehen die Leute weg und ihre Probleme sind auf wundersame Art weniger geworden. Momo scheint Zauberkräfte zu haben – das ist ein schönes Bild für die Kraft guten, heilenden Zuhörens.

Novalis: Wann kommt die Veränderung? Wie kann diese festgestellt werden?

R.E: In jedem guten therapeutischen Setting kommen wir an den Punkt des Transpersonalen, d.h. es geschieht immer mehr, als dass zwei Menschen über ihre Probleme reden. Auch der Begriff „Felt Shift“ (=gespürte Erleichterung) ist nur ein Kunstwort. Wann es geschieht, dass Menschen sich verändern, ist immer wieder ein Wunder und ein Staunen. Ich tue dies nicht als Therapeut, ich räume nur ein paar Steine aus dem Weg. Ich bitte die Klienten, nichts zu bewerten, nur offen da zu bleiben.. In jeder guten Psychologie geschieht durch gemeinsames Spüren und Erleben mehr als bloßes Anwenden von Techniken.
Die kognitiv-messbare Psychologie füllt heute die psychologischen Fachzeitschriften, während die humanistische Psychologie dort nicht viel Platz hat. Über das, was durch Liebe, Akzeptanz und Wertschätzung an persönlicher Veränderung geschieht, wird relativ wenig geschrieben.
Schon Lao-Tse sagte vor über 25 Jahrhunderten: Von einem guten Führer, der wenig darüber spricht, wenn seine Arbeit getan ist und sein Ziel erreicht ist, werden alle sagen: „Wir haben es selbst getan“.

Novalis: Findet zurzeit ein Paradigmenwechsel statt? Wenn wir die momentane weltpolitische Lage betrachten, gewinnen wir eher den Eindruck, dieser lässt auf sich warten.

R.E: Es ist nicht ein Paradigma welches durch ein anderes abgelöst wird, sondern es scheint zugleich eine Globalisierung und eine Art Fragmentierung stattzufinden. Wir müssen heute mit immer größeren sich verändernden Zusammenhängen klar kommen und dazu brauchen wir eine Art sinnvolle Orientierung, die wir am besten in uns selbst bekommen können.Medien vermitteln trotz Überinformation stets nur eine bestimmte Auswahl. So steht nicht in der Zeitung, wie viele hunderttausende Menschen heute glücklich gelandet sind – sondern wo ein Flugzeug abgestürzt ist. Wichtige Informationen über globale Veränderungen sind zudem sehr gefiltert. Momentan haben wir die Schwierigkeit, dass uns anscheinend eine konkrete Vision fehlt.
Wir wissen nicht was besser wird, wir wissen nur, was alles komplizierter wird. Doch das derzeitige Fehlen einer konkreten gesellschaftlichen Vision ist vielleicht gar kein Manko: Jede bisherige Konkretisierung von einer „besseren“ Welt führte zu erneutem Erstarren und zu Leid. Wir brauchen in Zukunft neben einem vernetzten Wissen um globale Zusammenhänge auch und zugleich eine zunehmende Hochsensibilität, die von Loslassen (Freiraum) und Mitgefühl (compassion) getragen ist.Die Sprache wird im psychologischen und spirituellen Bereich immer offener. Nach klassischem Wissenschaftsverständnis ist dies falsch, weil unscharf.

Im vernetzten Denken (und in der Quantenphysik) ist dies aber das richtige! Hans Peter Duerr erläuterte auf einem Kongress in München, dass auch physikalisch das Beziehungsnetz vor jeder konkreten materiellen Zuordnung von Teilchen steht. Tiefenökologie und spirituelle Schulen wissen dies seit langem. Für Politik wie für Psychologie gilt für die Zukunft: Um der Logik des Formalen, sprich: der Etablierung von starren Machtstrukturen zu begegnen, muss das zugrunde liegende „Netz“ lebendiger menschlicher Energie (compassion – Mitgefühl) viel mehr beachtet werden. Auch für psychologische Schulen gilt daher: Aufpassen auf die „Logik des Formalen“! Lebendiger Geist/Energie konkretisiert sich immer auch im Materiellen. Anders geht es nicht. Aber man muss genau aufpassen, wann die Starrheit die lebendige Energie (das „Netz“) zu sehr unterdrückt. Sobald Focusing-Institute über das „richtige“ Focusing streiten, mit eingetragenem Warenzeichen, wird es brenzlig. Denn auch Focusing ist nur ein Wort für lebendige Wahrnehmung und Veränderung zu mehr Bewusstheit.

Novalis: Welche Bedeutung hat die Globalisierung für die Religionen?

R.E: In den Religionen findet eine Art Globalisierung statt ähnlich wie bei der Musik. Wenn wir wirklich die positiven Schwingungen der spirituellen Richtungen der ganzen Welt haben, können wir uns entweder in einer Art Patchwork-Esoterik verlieren oder aber auch unglaublich genau die wirklich wichtigen Dinge erkennen, die in allen Religionen vorhanden sind. Wir werden in religiösen bzw. spirituellen Bereichen immer globaler. So wird der Westen sicherlich durch die östlichen Religionen wie beispielsweise durch den Buddhismus bereichert. Aber der Buddhismus wird auch dadurch, wie er im Westen angewendet wird, bereichert. Wir müssen bei der Faszination der westlichen Menschen zu den östlichen Philosophien achtsam sein, denn wir vergleichen oft unsere Praxis, die unvollständig ist, mit den dortigen Theorien. Wer beispielsweise buddhistische Klöster kennt weiß, dass die Mönche nachts auch mal aussteigen und Sake trinken. So etwas erfahren wir hier nicht.

Oder welche Rivalitäten es allein unter den Mönchen gibt, die ausgesandt werden um den zukünftigen Dalai Lama zu finden. Die Menschen, die dort leben, sehen dies ganz anders als bei uns, wo der Buddhismus glorifiziert wird. Für den Westen war es wichtig sich von den erstarrten Zwängen der traditionellen christlichen Kirche zu befreien. Dafür war die östliche Spiritualität sehr hilfreich, weil sie uns spirituell wieder mehr zu uns selbst kommen lässt.

Meiner Ansicht nach wird es für die Zukunft auch wieder wichtig sein, den Wert der eigenen Wurzeln der westlichen Spiritualität zu entdecken. Auf diesem Kongress der transpersonalen Psychologie, den ich vorher erwähnt habe, wurde in den ganzen drei Tagen nicht ein einziger christlicher Bezug hergestellt, was mich sehr verwundert hat. Anscheinend haben die Menschen immer noch Angst, sich der eigenen christlichen Spiritualität anzunähern. Das ist meiner Ansicht nach sehr schade, denn es wäre wichtig, sich auch und zugleich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen. Während der Osten der Überwindung der Dualität vom „Ich“ zum „All-Einen“ große Bedeutung beimisst, wartet im Westen die Trinität mit „dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist“ darauf, von uns als spirituell-christliche Kraft auf der Grundlage eines globalen Bewusstseins neu entdeckt zu werden: Gott als das All-Eine, Christus wäre das konkret gewordene Wort in uns – der Heilige Geist wäre die verbindende Dynamik zwischen den beiden. Diese Dreiheit erzeugt eine eigene Spannung, die für mich eine irritierende Faszination hervorruft.
Denn Dreiheit existiert auch in der Psychologie: im Spannungsverhältnis der Begriffe Ich, Du und Wir. Es ist für jeden Therapeuten sehr wichtig, genau zu unterscheiden: „Was ist meins? Was ist Deins? Was ist unseres?“

Novalis: Wird der Bezug zu unseren spirituellen Wurzeln in Deutschland nicht unter anderem durch den Mythenmissbrauch im dritten Reich blockiert?

R.E: Rogers hat in einem Interview bei dem es um die Verantwortung ging, die ein Mensch hat, wenn er mit einer große Gruppe arbeitet, gesagt: „Die Verantwortung verdoppelt bzw. verdreifacht sich, wenn man diese Energie der Gruppe spürt und damit umgeht. Große charismatische Persönlichkeiten, von Jesus bis Hitler haben diese Energie gespürt und für ihre Zwecke verwendet.“ Das darf nur ein Amerikaner sagen. Die Deutschen drängen die Thematik von Magie/ Charisma und Gruppenenergie immer noch in den Schatten. Dadurch ist in der eigenen christlichen Spiritualität irgendetwas dunkel, deshalb schaut man sich das nicht an. Doch das wäre wichtig dies zu entdecken. Vielleicht um zu einer umfassenden Spiritualität zu kommen, die aber auch einer regionalen Zugehörigkeit bedarf. Wenn ich die eigenen Wurzeln in den Schatten dränge, dann wird es problematisch.

Novalis: Sie geben neben Ihrer Tätigkeit als Ausbilder für Therapeuten auch Seminare in großen Unternehmen. Wie ist dort das Interesse sich Themen wie Selbstwahrnehmung (Focusing) zu widmen?

R.E: Für mich ist es zunächst wichtig zu schauen, was mein Mandat ist. Darf ich in grundlegende, tiefere Wahrnehmung reingehen? Ist dafür das Klima da? Das ist sehr wichtig. Es ist auch Missbrauch, wenn ich Leuten plötzlich die psychologischen Hintergründe ihres Verhaltens erklären würde, ohne dafür das Mandat zu haben. Für Trainer ist zunächst wichtig: Darf ich unterrichten/trainieren, coachen, persönliche Hintergründe der Teilnehmer ansprechen oder therapeutisch arbeiten? Das Setting, die Auftrags- und Rollenklarheit ist sehr wichtig. Mein Thema in Unternehmen ist, Menschen grundlegendes kommunikationspsychologisches Handwerkszeug zu vermitteln, damit diese mitbekommen, was sie so stresst und wie sie mit Konflikten besser umgehen können.

Echtheit und Akzeptanz erreichen jeden Menschen, das ist interkulturell. Dies habe ich während meiner Tätigkeit in der Verhaltensforschung beobachtet. Oftmals ist es in hierarchischen Strukturen etwas verdeckter und blockierter, deshalb ist es manchmal schwierig, offen und fair die Meinung zu sagen. Darum ist es wichtig, das zu schulen und Zivilcourage zu fördern in Punkto „was kann ich ändern, was muss ich durchgehen lassen?. Wo werden innerste Werte verletzt, wo und wie gehe ich (kreative) Konflikte ein.

Viele Schulungen, die in den letzten 20 Jahren angeboten wurden, haben den Menschen in seiner Basis, in seiner Echtheit zu wenig berücksichtigt. Man versuchte obendrauf bestimmte Techniken zu schulen: mach A dann erreichst Du B. Doch so einfach geht es nicht, denn die Glaubwürdigkeit vom Menschen ist nur gegeben, wenn ich die Person spüren und erreichen kann. Offene Personalchefs wissen darum, und sie wollen den Mitarbeitern helfen, dass diese sich selbst besser wahrnehmen. Der Buchmarkt ist beispielsweise voll von Antistressbüchern. Doch wir können aus jedem Antistressbuch sofort eine neue Stressgeschichte machen.
So kann einer vor dem Fernseher sitzend mit einer Flasche Bier sich rundum wohl fühlen und Hirnstromkurven haben, die einer tiefen Meditation entsprechen. Würde sich dieser Mensch stattdessen zwingen, eine Yogaübung zu machen, wäre er weniger entspannt. Jeder kann nur für sich selbst wissen was für ihn am besten ist. Wir wissen selbst die Lösung unserer Probleme am besten, wenn wir uns diesen offen zuwenden.
(Das heißt nicht, Biertrinken sei besser als Yoga – es kommt immer darauf an, was für dich jetzt gerade stimmig ist!)

Novalis: Wie ist die Bereitschaft der Unternehmer Sie zu Seminaren einzuladen?

R.E: Die Bereitschaft der Unternehmer mich zu Seminaren einzuladen steigt, wenn sie positive Rückmeldungen von den Teilnehmern bekommen, d.h. mir muss es gelingen, die Teilnehmer dort abzuholen, wo sie sind. Wenn ich im falschen Moment eine Entspannungsübung ansagen würde, wären die Leute irritiert. Hier ist es die Kunst, genau zu spüren, was für diese Menschen jetzt das Richtige – der nächste richtige Schritt – ist. Obwohl das Klima momentan wirtschaftlich schärfer wird und alte autoritäre Sätze wieder mehr fallen, habe ich festgestellt, dass es sehr viele verantwortungsvolle Führungskräfte gibt, die sehr wohl erkennen, wie wichtig es ist, dass die Menschen im innersten Kern – dort entsteht Motivation – etwas über sich selbst erfahren. Nur so geschieht Veränderung. Eine große Kaufhauskette in Deutschland hat mich beispielsweise eingeladen, ihre Trainer zu schulen. Die sind in der klassischen Weise top geschult in allen kommunikationstherapeutischen Richtungen. Als ich beim Personalchef die Focusing-Schritte schilderte: „dass die Leute sich spüren müssen, achtsamer und genauer mitbekommen was sie tun – Person und Rolle unterscheiden und sich selbst wahrnehmen“ dachte ich bei mir, jetzt kann ich wieder „einpacken“. Doch der Personalchef sagte: „Genau das brauchen wir, weil unsere Trainer alle top sind, aber nicht glaubwürdig. Sie wissen eigentlich selbst nicht mehr so genau, wie sie zu sich und ihrem Beruf stehen und das spürt ihr Gegenüber.“ So eine Aussage wäre von einem Personalchef vor 15 Jahren ziemlich unwahrscheinlich gewesen.
Vor kurzem habe mit ich Arbeitern, Meistern und Ingenieuren in einem technischen Betrieb gearbeitet. Am Ende des zweiten Tages kam einer der Teilnehmer zu mir – ein 50-jähriger Ingenieur – und bedankte sich, weil er sich das erste Mal in seinem Leben selbst wahrgenommen und gespürt habe ( von so einem echten Feedback zehrt ein Therapeutenherz noch eine ganze Weile).