Institut für integrale Gesprächs- und Focusingtherapie

Focusing – philosophische, psychologisch-integrale und spirituelle Aspekte

von Rainer Eggebrecht (2019)

Philosophische Gedankensplitter

Digitalisierung vermehrt das für jedermann zugängliche Wissen derzeit immer rasanter.
Doch Weisheit, Glück, Menschlichkeit, Nächstenliebe –  diese Begrifflichkeiten sind  heute so geheimnisvoll, wie sie es schon zu Zeiten von Sokrates und Platon waren. Denn es sind „ideelle Substanzen“ des menschlichen Bewusstseins.
Das Wissen darüber vermehrt sich, doch: „Im Bereich des moralischen Bewusstseins  und des moralischen Entscheidens gibt es keine gleichartige progressive Addierbarkeit des Wissens“ (Papst Benedikt XVI.) – jede Generation muss sie sich neu erarbeiten.
Wie absurd wären Formulierungen wie: „Ich kann gerecht sein“, „Ich verstehe mich auf Menschlichkeit“?  Solche ideellen Begrifflichkeiten verfestigen sich erst in der immerwährenden Auseinandersetzung mit dem tradierten geistigen Erbe im Fühlen und Denken. Charakter ist – so die heutige Genforschung –  nur zu einem Teil genetisch programmiert, für die wesentlichen Bedingungen ist die Kultur einer Gesellschaft und jeder Einzelne mit verantwortlich (Johannes Huber, Der Holistische Mensch 2017).
Die Werte, Lebensmuster, Gemeinschaftsnormen und sinnstiftenden Rituale einer Gemeinschaft wiederholen sich dabei ansatzweise immer wieder neu in der „Menschwerdung“ eines jeden Einzelnen (Don Beck /Cowan, Spiral Dynamics).

Der Altphilologe Friedrich Maier („Allgewaltig ist der Mensch…“, 2018) meint, dass wir heute wieder „Quergeister wie
Sokrates“ bräuchten, um der permanenten Fixierung auf den Augenblick zu entkommen, der immer weniger Chancen zum Abschalten, zum Verweilen und Nachdenken zulässt. Sokrates hatte einst die Philosophie vom Himmel herab geholt, indem er vor allem Forschen nach der Natur am Himmel und auf Erden die Frage nach dem Menschen stellte – nach seinem Wert, seiner Würde, seiner moralischen Verantwortung. „Sokrates wehrte sich“, wie Nietzsche es ausdrückte, „mit allen Kräften gegen die hochnäsige Vernachlässigung des Menschen.“ Integrales sokratisches Bewusstsein könnte uns daher helfen, in Zukunft verantwortungsbewusster mit unserer zunehmend digitalisierten Wirklichkeit umzugehen.

Wie wird die zukünftige Rolle eines „neu konstruierten Menschen“ aussehen?
Wird er, kraft seiner Künste und Techniken sich selbst vergöttlichend, als „Homo Deus“ (Yuval Noah Harari, Eine Geschichte von Morgen, 2018),  schöpferisch und zerstörerisch zugleich, sich aller Maßstäbe entledigen? Wird er auf diesem Planeten und in den interstellaren Räumen ohne Respekt vor jeder Grenze leben, der akuten Gefahr nicht gewahr, dass er damit dem Schattenreich – wie schon Eurydike – letztendlich nicht entkommen kann?

Psychologische Perspektiven  (Focusing)

Focusing fördert und schult ein Bewusstsein, das unsere Erfahrung überprüft und aus verschiedenen Perspektiven wertfrei beleuchtet. Focusing ist in gewisser Weise radikal: es läuft den Mainstream-Trends unserer Leistungsgesellschaft entgegen, die Rationalität, Geschwindigkeit und Klarheit favorisiert. Focusing bringt ein Wissen ins Spiel, das ganzheitlich und intuitiv ist und das würdigt, was unscharf und noch nicht klar ist. Es geht um Wahrnehmungspräzisierung und Bewusstseinsschulung, nicht um spektakuläre sofortige Ergebnisse.

Kurzer Überblick und Grundlagen zeitgemäßer humanistischer Psychologie
In einem berühmt gewordenen Diskurs aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts standen sich zwei Auffassungen vom Menschen unversöhnlich gegenüber: Skinner (der Begründer der Verhaltenstherapie) behauptete, der Mensch sei manipulierbar und damit „machbar“. Carl Rogers (der Begründer der klientenzentrierten Therapie) hingegen behauptete, der Mensch sei frei und autonom.
Doch statt zu fragen, welcher Ansatz richtig oder falsch ist, erkennen wir heute aus integraler Perspektive, dass jeder Ansatz wahr – aber nicht vollständig ist.
Nun können wir herausfinden, wie die Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt sich für eine zu entscheiden und die andere zu verwerfen.
Rogers betonte die enge Verbundenheit von seelischer Gesundheit mit dem Zustand der Kongruenz (Echtheit): wenn das Selbstkonzept nicht mit der Erfahrung von Wirklichkeit übereinstimmt (Rogers nennt dies „organismische Erfahrung“), führt dies zu Inkongruenz und Spannungen. Diese Grundhaltungen gilt es möglichst effektiv zu verwirklichen: Echtheit, nicht urteilende Wertschätzung  sowie Empathie – im Sinne von einfühlendem Verstehen und Erfassen des inneren Bezugsrahmens unseres Gegenübers. Die Art und Weise, wie Menschen sich erleben, wird als entscheidender Faktor des personzentrierten Ansatzes gesehen.

Focusing als moderne Wahrnehmungsschulung wurde von Eugene Gendlin, Schüler von Rogers und sein Nachfolger am Lehrstuhl der University of Chicago, entwickelt. Focusing (= „Brennpunkt“) unterstützt und fördert intuitiv erlebte, gefühlte Bedeutungen in einem ganzheitlichen Erlebensprozess. Wenn das Ich sein inneres Geschehen in Bezug auf ein gerade anstehendes Thema unmittelbar erlebt, können sich aus diesem zuerst meist vagen und diffusen Erleben Bedeutungen sprachlich, bildhaft oder körperlich mitteilen, die ein unmittelbares ganzheitliches Gefühl der Stimmigkeit auslösen. Man tritt dabei als sein eigener innerer Beobachter aus einer kleinen inneren Distanz in Beziehung zu der noch nicht „entfalteten“ gefühlten Bedeutung. Dieser Aktualisierungstendenz sollte man so viel Raum wie möglich geben und einen großen Respekt für das an den Tag legen, was sich von innen heraus entfalten möchte. Im Focusing entscheidet man sich immer wieder für eine offene Selbsterforschung, deren Form und Richtung in hohem Maße vom Einzelnen selbst bestimmt wird.

Integrales Focusing

Wissenschaft und Weisheitslehren stimmen heute in einer grundlegenden Aussage überein: Alles ist mit allem verbunden – in einem unteilbaren, essentiell lebendigen und schöpferischen Wesensgrund. Jeder Einzelne ist eingebunden in ein größeres Ganzes, von dem er ein Teil ist und an dem er kreativ mitwirkt.Die zunehmend wechselseitige Verschränkung aller Lebensbereiche erfordert daher, dass wir alle Ebenen des Seins in einer größeren Perspektive – auf der Basis unserer humanistischen Grundhaltung – neu zusammenführen. Integrales Focusing stellt deshalb „Ich“ (Selbsterleben), „Wir“ (Kultur) und „Es“ (Wissenschaft) in symbolischer Vermittlung von Wirklichkeit gleichberechtigt nebeneinander und erweitert die Wahrnehmungsfähigkeit durch flexible Perspektivenwechsel.
Der Psychologe Erich Fromm sieht in seinem Entwurf für ein ganzheitliches Menschenbild das Ziel unserer Entwicklung in der „Einheit zwischen Autonomie und Bezogenheit“. Gesund sein heißt dann, mit sich in Einklang zu stehen und sich zugleich wertschätzend als Teil-Ganzes der gesamten Biosphäre zu erleben.

Focusing und Spiritualität

Focusing bietet ein besonderes Resonanzfeld, in dem durch Einfühlung in die Welt des Gegenübers etwas von mir, etwas von dir und noch etwas anderes entsteht, was keiner von uns machen kann. Focusing zentriert die Aufmerksamkeit auf das, was der nächste Schritt ist, der notwendig ist, dass sich das entwickeln kann, was gerade ansteht, das, was sich im Moment mit erster Priorität meldet. Denn dieses ganz Persönliche, das sich stimmig anfühlt, ist bedeutsam genug, um es mit dem ganzen Sein voll wahrzunehmen. Damit haben wir im Focusing den passenden Rahmen für eine gesunde Spiritualität vor uns, die sich gleichzeitig innerhalb eines Kontextes gesunder Psychologie entwickelt.
Anselm Grün betont, dass Spiritualität nicht ohne Psychologie existieren kann. Unsere inneren Räume müssen lebensfähig sein – nur dann können wir „gut in den Raum unterhalb der Leidenschaften“ kommen und ohne allzu dunkle psychische „Schatten“ eine tiefere Klarheit und Reinheit entdecken.